Raiffeisenblatt Heft 2/2014 - "Keine neuen Belastungen für die Kreditwirtschaft!”

Im Interview: RZB-Generaldirektor Dr. Walter Rothensteiner

Dr. Walter Rothensteiner RZB-Generaldirektor und Raiffeisen Generalanwalt Dr. Walter Rothensteiner über die Erwartungen an die neue Bundesregierung, die Herausforderungen durch die Bankenunion, die Zukunft der RB sowie die Sektorprojekte ZukunftPLUS und Raiffeisen-Campus.

Seit Dezember ist die neue Bundesregierung nun im Amt. Welche politischen Themen sind in der aktuellen Legislaturperiode aus Bankensicht besonders wichtig?
Da ist einerseits die Bankenabgabe, die als Substanzsteuer eine enorme Belastung für uns darsteilt. Eine klare Zweckwidmung der Steuer wie in Deutschland, wo diese Belastung nur einen Bruchteil im Vergleich zu Österreich aus macht und einen Abwicklungsfonds Iäuft, wäre sinnvoll. Und auf europäischer Ebene würde ich mir wünschen, dass kleine Banken künftig nicht für Pleiten von europäischen Großbanken haften müssen. Die Planungen für einen Europäischen Abwicklungsfonds laufen da aus meiner Sicht in die falsche Richtung.

Basel III ist Anfang des Jahres in Kraft getreten. Wie sieht das bisherige Resumee aus?
Wir haben uns auf die Umsetzung von Basel III sehr gut vorbereitet und sind für dieses erste Jahr mit den neuen, schärferen Regeln gut gerüstet. Besonders wichtig war es, dass wir die Spezifika und Vorteile dezentraler Strukturen in die Gesetzgebung eingebracht haben. Dazu gehören begünstigende Regeln für die Kreditvergabe an KMU oder die Anerkennung von Geschäftsanteilen als hartes Kernkapital.

Welchen Beitrag leistet ein International Protection Scheme (IPS) dazu?
IPS ist sozusagen die vom Regulator vorgegebene Form des bereits seit Jahrzehnten gelebten Raiffeisen-Solidaritatssystems. IPS kommen in zahireichen europäischen Ländern zum Einsatz und sind kein Österreichisches Spezifikum. Die Mitgliedschaft im IPS bringt den großen Vorteil, dass die Beteiligung am Zentralinstitut nicht vom Eigenkapital abgezogen wird. Mit dem Raiffeisen-IPS bauen wir auf die bewährten Strukturen der Solidaritätsvereine auf.

Wie bewerten Sie die vorläufige Einigung zur Einlagensicherung?
Der Kompromiss zur Einlagensicherung ist imPrinzip zu begrüßen. Das soIide österreichische Einlagensicherungssystem mit seiner sektoralen Aufteilung kann damit erhalten blelben. Eine zentrale Europaische Elniagensicherung oder eine einheitliche Osterreichische Einlagensicherug ist darin namlich nicht zwingend vorgesehen.

Wie ist der Beschluss zur Sanierung und Abwicklung von Banken zu beurtellen?
Auch die Einigung zur Sanierung und Abwicklung von Banken ist grundsätzlich positiv, da hier die besondere Form des IPS auf Europäischer Ebene anerkannt wird und die Bankensteuer auf einen nationalen Abwicklungsfonds angerechnet werden kann.

Wie sehen Sie die Entwicklung bei der dritten Säule der Bankenunion, dem Europaischen Abwicklungsfonds?
Beim geplanten Europäischen Abwicklungsfonds ist Vorsicht geboten. Dieser Fonds würde bedeuten, dass die Haftung der Banken untereinander stark ausgeweitet wird. Da wünsche ich mir noch elne bessere Lösung.

Welche Erwartungen sind mit der Europäischen Bankenaufsicht, die im Herbst ihre Arbeit aufnimmt, verbunden?
Für uns als RZB-Gruppe st eine einheitliche Bankenaufsicht prinzipiell etwas Positives. Allerdings werden nur Banken aus Euro-Staaten und nicht auch die übrigen EU-Mitglieder erfasst sein. Das ist natürlich gerade für die RBI, die in zahlreichen Ländern der EU tätig ist, nur die zweitbeste Lösung. Wichtig ist, dass es durch die europäische Aufsicht nicht zu einer zusätzflchen Bürokratieinstanz neben der österreichischen Aufsicht kommt.

Wie nehmen Sie die große Bilanzbewertung der EZB wahr?
Die große Chance dieses Bankenchecks ist, dass Unterschiede in den Aufsichtstätigkeiten einzelner Mitgliedstaaten beseitigt werden. Neben der Risikobewertung beschättigt uns derzeit der Asset Quality Review. Diese Prüfung ist sehr umfassend. Neben dem Stresstest gehört die Selektion und Analyse von Kreditportfolien sowie die Durchleuchtung des Kreditobligos dazu.

Die Raiffeisen Bank International (RBI) hat bestätigt, dass es Kaufinteressenten für die Banken in Ungarn und der Ukraine gibt. Was wird da auf Raiffeisen zukommen?
Wenn sich Interessenten melden, werden Angebote natürlich evaluiert. Medienberichte drehen sich natürlich immer um Marktgerüchte, von denen es jede Menge gibt. Davon darf man sich nicht verunsichern lassen. Insgesamt sind wir positiv gestimmt. Die Region in CEE entwickelt sich nach wie vor gut.

Das Ergebnis der RBI war 2013 vom schwierigen Marktumfeld geprägt. Weiche Entwicklung ist hier mittelfristig zu erwarten?
Die RBI hatte — wie viele ihrer Mitbewerberauch — über viele Jahre eine steile Wachstumskurve. Mittlerweile ist diese Phase ganz natürlicherweise in eine Optimierungsphase übergegangen. rn Herbst 2013 wurden sechs Fokusmärkte definiert, auf die sie sich kunftig noch mehr konzentriert. Diese sind Polen, Russland, Tschechien, Rumänien, Slowakei und natürlich Österreich.

Steigende Kosten bei der aktuellen Geschäftsentwicklung belasten die gesamte Branche. Wie gehen Sie damit um?
Das ist die große Herausforderung der Zukunft. Wir sind gezwungen, bei den Kosten auf die Bremse zu steigen. In erster Linie versuchen wir, effizienter zu werden und, wo dies möglich ist, Synergien zu nützen.

Die RZB und Verbundunternehmen haben sich das Programm ZukunftPLUS als großes Ziel gesetzt. Wie ist bei diesem  Strukturoptimierungsprogramm der aktuelle Stand?
2014 ist das große Jahr der Umsetzung. Verschiedene Bereiche fusionieren im Laufe des Jahres, wie beispielsweise Public Relations, Marketing oder Human Resources, und ab Mitte 2015 wird dann der neue gemeinsame Standort aller Verbundunternehmen in der Muthgasse im 19. Wiener Gemeindebezirk bezogen.

Wie und wann wird die Erfolgsmessung von ZukunftPLUS erfolgen?
ZukunftPLUS befreit die Verbundunternehmen von administrativen und unterstützenden Aufgaben, die in einer größeren Einheit effizienter erledigt werden können. So können die Verbundunternehmen noch näher bei ihren Kunden und Märkten sein und noch effizienter ihre Produkte vertreiben. Diese neuen Rahmenbedingungen werden sich letztlich auch in Erfolgszahlen niederschlagen. Wenn wir 2023 den Endausbau inklusive Abwicklung und IT erreicht haben, planen wir jährlich deutlich zweistellige Millionenbeträge einzusparen.

Das Synergiepotenzial wird ja auch in anderen Bereichen gehoben. Wie sehen Sie die Entwicklung des Raiffeisen Campus?
Der Campus zeigt, wie sehr wir Qualität und Effizienz aus der übergreifenden Zusammenarbeit aller Bundesländer und Sektorstufen steigern können. Wir schonen damit unsere Ressourcen und gewinnen an Geschwindigkeit in der Umsetzung neuer Bildungsformate und Personalentwicklungsinstrumente.

Ein großer Eckpfeller des Campus-Modells ist die Funktionärsausbildung. Wie wird diese angenommen und was zeichnet sie aus?
Die Fit & Proper-Anforderungen der FMA haben uns vor eine neue Herausforderung gestellt. Der Raiffeisen Campus hat hier mit dem Lehrgang Kompetenz-Plus eine maßgeschneiderte Ausbildung geschaffen. Allein im Jahr 2013 hatten wir dabei mehr als 500 Kursteilnehmer aus ganz Österreich. Mit gut ausgebildeten Funktionären stellen wir sicher, dass unser ehrenamtliches Funktionärswesen weiterhin bestens funktioniert.

Genossenschaften haben bereits eine lange Tradition. Wie sehen Sie den Wandel des Traditionsmodells in ein Modeil der Zukunft?
Genossenschaften haben sich insbesondere in Krisenzeiten als besonders anpassungsfähig, Ieistungsstark und dadurch wirtschaftlich stabil erwiesen. Unsere Prinzipien sind auch heute noch genauso modern wie in der Vergangenheit. Seit 128 Jahren steht Raiffeisen in Österreich für Sicherheit, Regionalitat und Nachhaltigkeit und ist tief in der Gesellschaft verankert. Raiffeisen ist ein überaus aktiver Förderer der Regionen und ihrer Menschen. Das sind wir auch in Zukunft.

Das Umfeld der Banken hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Worauf ist bei den Rahmenbedingungen zu achten, um das Erfoigsmodell der Genossenschaftsbanken nicht zu beeinträchtigen?
Wichtig ist, die Verhältnismäßigkeit zu wahren und die Bedürfnisse von Lokal- und Regionalbanken zu berücksichtigen. Bürokratische Anforderungen an Großbanken dürfen in dieser Form nicht auf genossenschaftliche Raiffeisenbanken  umgewälzt werden.

Gilt diese Verhältnismäßigkeit auch in anderen Bereichen?
Diese ist natürlich auf allen Ebenen wichtig. Nationale Abgaben wie die Bankenabgabe stellen die Österreichischen Banken kosten- und kapitalmäßig auf eine harte Probe. Dabei wäre es wichtig, unsere Kreditwirtschaft im Vergleich zum europäischen Wettbewerb nicht zusätzlich zu belasten.

Vielen Dank für das Gesprach.